Seilmythen

Wer kennt das nicht: Man ist auf einem Stammtisch oder in einem Forum unterwegs und trifft auf Aussagen, die mit absoluter Sicherheit als unanfechtbare Wahrheit vertreten werden.

Hinter vielen dieser Aussagen steckt sicherlich irgendwo ein wahrer Kern nur habe ich bei vielen das Gefühl, dass sie eher Hypothesen als fundierte Theorien sind. Eine ausgiebige Recherche ist auch bei einer wissenschaftlichen Arbeitsweise unabdingbar, erspart unnötige Eigenleistung und ermöglicht eine präzisere Fragestellung. Jedoch ist die reine Fomulierung einer Hypothese noch bei weitem nicht stichhaltig und beruht auf dem reinen Glauben an die Kompetenz der Person, die sie vertritt. Nicht jede dieser Aussagen muss zwangsläufig falsch sein, ein kritisches Hinterfragen kann diese sowohl bestätigen als auch widerlegen. Es ist mir hierbei egal von wo oder wem diese Aussagen kamen, da diese Information nicht zielführend ist und eher zu egozentrischen Kleinkriegen führt als neues Wissen zu schaffen und Fehler zu korrigieren.

Ich will hier einfach auf so manche dieser Aussagen eingehen und diese etwas genauer betrachten und hinterfragen. Eventuell habe ich zu manchen bereits eigene Experimente durchgeführt oder in Planung oder aber weiterführende Informationen, die ich verlinken kann. Es geht hierbei nicht um ein Erklärung des Beobachteten sondern viel mehr um ein Zeigen, dass Dinge eben auch anders sein können und dass das subjektive menschliche Empfinden oftmals ungenauer ist als wir es selbst gerne hätten.


Wenn man Juteseile färbt halten sie nicht mehr.

Eine Aussage, die mir sehr häufig begegnet ist. Grund für diese Annahme ist oftmals, dass durch den Färbeprozess die Faser geschwächt wird, da sowohl Zusätze wie Säuren oder Salze sowie Hitze in Kombination mit Wasser den Verrottungsprozess einleiten und Fette und Öle aus der Faser lösen. Jute wird in der Industrie gerade aufgrund ihrer leichten Verrottbarkeit gerne bei Anwendungen eingesetzt, die nicht von Dauer sind. Ob der Verrottungsprozess bereits bei dem eher kurzen Wasserkontakt eintritt ist jedoch fraglich.

Mit der Wehemenz, mit der diese Aussage vertreten wird rechne ich mit einer Burchlastminderung zwischen 30% und 50% und habe mal als ich die ersten Bruchtests gemacht habe etwas Garn gefärbt, Seil daraus geschlagen und zerrissen. Die erwartete katastrophale Senkung der Bruchlast blieb aus. Es mag sein, dass das schonende und eher kurze Färbeverfahren die Faser nicht in dem erwarteten Maße angegriffen hat wie es eine stundenlange Färbung bei höhere Temperatur vermag aber zumindest das absolute Aus für das Färben von Juteseilen möchte ich hier gerne begraben. Man kann Juteseile färben und sie halten danach auch noch, weitere Tests zu diversen Färbeparametern stehen jedoch noch aus.


Kunststoffseile verursachen Verbrennungen.

Eine Warnung, die häufig dann zum Vorschein tritt, wenn Anfänger nach Empfehlungen für Bondageseilen fragen. Auf keinen Fall sollen diese zu Seilen aus Kunststoff greifen, da damit Brandwunden vorprogrammiert seien. Es ist nicht so, dass Seile aus Naturmaterialien keine Verbrennungen verursachen können und gerade beim Schmerzbondage kann das Spiel mit Reibung und Wärme sehr reizvoll sein. Allerdings wird hier die Hitzeentwicklung größtenteils über den Anpressdruck und die Zuggeschwindigkeit geregelt und ist tatsächlich gewollt. Kunststoffseile entwickeln zwar schneller eine größere Hitze bei dieser Spielart, jedoch ist das schon ein echter Spezialfall. Im “normalen” Bondage habe ich es auch nach vielen Jahren mit Polyamid und UHMWPE auch bei Suspension nicht geschafft einem Bunny eine Brandblase zuzufügen. Irgendwas muss ich anscheinend falsch machen wenn nicht die bloße Berührung zum sofortigen Branding führt.


Lockere Seile halten mehr

Insbesondere sobald man in den Bereich Suspension vorstößt werden plötzlich Eigenschaften wie Bruchlast interessant und es wird zu locker gedrehten Seilen geraten, da diese angeblich eine höhere Bruchlast aufweisen. In diesem Test habe ich genau das getestet. die Bruchlastminderung hat in diesem Test bis zu 23% betragen. Ob diese Minderung relevant ist muss noch in weiteren Experimenten zu dynamischen Lasten gezeigt werden.